Im deutschsprachigen Bereich gibt es kaum Anleitung und Literatur zur Arztbriefschreibung. Dabei verbringen sehr viele Krankenhausärzte und -ärztinnen jeden Tag sehr viel Zeit mit dieser Tätigkeit, die viele von ihnen als unangenehm empfinden. Und glaubt man den Klagen niedergelassener Kolleginnen und Kollegen, an die sich die meisten dieser Briefe richten, dann sind die Briefe nicht einmal gut.
Dabei ist der Arztbrief das zentrale Dokument der Krankengeschichte. Er wird herangezogen, wenn man sich rasch über einen Patienten orientieren möchte, dient als Grundlage für Kodierung und Abrechnung und ist das wichtigste Instrument der intersektoralen medizinischen Kommunikation.
Mit der Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA) werden autorisierte Behandler:innen künftig direkten Zugang zu Primärbefunden, Laborwerten und Untersuchungsergebnissen erhalten. Dennoch bleibt der Arztbrief das Dokument, in dem aus Befunden medizinisches Denken und ärztliches Handeln werden. Hier wird eine Befundlage eingeordnet, werden Zusammenhänge erklärt, diagnostische Überlegungen nachvollziehbar gemacht und Therapieentscheidungen begründet.
Nicht mehr lange, dann wird Künstliche Intelligenz (KI) uns einen erheblichen Teil der Arbeit am Arztbrief abnehmen. Das wird Vor- und Nachteile haben. Der entscheidende Vorteil — und vermutlich der Grund, weshalb sich KI in der Arztbriefschreibung durchsetzen wird — ist der Gewinn an Zeit und sprachlicher Qualität. Es mag manche schmerzen zu sehen, dass KI die Qualität ärztlicher Texte verbessern kann. Darin zeigt sich jedoch auch, dass die Arztbriefschreibung lange ein Stiefkind der ärztlichen Ausbildung gewesen ist — und dass ihre Qualität vielerorts offenbar vergleichsweise leicht zu verbessern ist. Sprachmodelle haben allerdings eine grundlegende Eigenschaft: Sie reproduzieren zwangsläufig das, womit sie trainiert wurden. Sie lernen Häufigkeiten, nicht Qualität. KI verstärkt vorhandene Sprache, übernimmt Konventionen und stabilisiert bestehende Ausdrucksweisen. Einen modernen, klaren und unaffektierten Sprachstil wird sie deshalb nicht von selbst hervorbringen. Wenn wir möchten, dass KI gute Arztbriefe schreibt, müssen wir ihr zunächst gute ärztliche Sprache zeigen.
Wer entscheidet, ob ein Arztbrief gut oder schlecht ist? Es existieren zahllose Leitlinien, Empfehlungen und detaillierte Beschreibungen medizinischer Prozesse, Prozeduren und Produkte im deutschsprachigen Raum – eine allgemein akzeptierte Beschreibung dessen, was einen guten Arztbrief ausmacht, gibt es hingegen kaum.
Niemand hat mich gebeten, Kriterien für einen guten Arztbrief zu formulieren oder Vorschläge dafür zu machen, wie ein „perfekter Arztbrief“ aussehen könnte. Ich tue es trotzdem – nicht mit dem Anspruch, allgemeingültige Regeln aufzustellen. Sondern weil mir das Arztsein am Herzen liegt und ich mir eine moderne medizinische Kommunikation wünsche: effizient, klar und zugleich sprachlich angenehm, menschlich und frei von unnötiger Affektiertheit.